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Ronald Henss: Social Perceptions of Male Pattern Baldness

Ronald Henss: Social Perceptions of Male Pattern Baldness

Social perceptions of male pattern baldness. A review (Exerpt)

PD Dr. Ronald Henss

In 1967 the British zoologist Desmond Morris published his best-selling book „The Naked Ape“. This title draws special attention to one of the most conspicuous features of human appearance: the relative hairlessness of our bodies. Strictly speaking, we are not really naked. Complete hairlessness is to be found in only a few areas like the lips, the palm of our hands, the soles of the feet, the nipples and some parts of the genitals. The impression of nakedness derives from the fact that on most parts of our bodies our hairs are so fine and short that they are hardly visible, at least from some distance. On the other hand, however, there are some special areas of dense hair that stand in stark contrast to the apparently hairless regions. In fact, it is the characteristic patchy distribution that grabs our attention; and the focus is on those regions that are densely covered with hair, particularly the facial hair in males and the scalp hair in both sexes. From a strictly biological-medical point of view, hair is not a necessary prerequisite to human survival. On the other hand, however, there can be no doubt that hair is extremely important with regard to our social and psychological experiences. Hair is much more than meets the eye; and evidence abounds that humans are and always have been obsessed with hair. Because hair is of utmost importance, so is its loss. The most common form of hair loss is male pattern baldness (androgenetic alopecia) which affects a large part of the male population. Although there can be no doubt that male pattern baldness is of great social and psychological significance, there exists little empirical study on its psychological impact. The present paper tries to review the extant literature with regard to a specific aspect, namely social perceptions of hair loss. This is indeed an important topic: after all, hair loss would be an inconsequential affair if our perceptions of others and ourselves would not be influenced by the amount of cranial hair in the first place. Before turning to our main topic, we briefly look at some socio-cultural aspects of hair in general and hair loss in particular.

The importance of hair, past and present.

Humans are preoccupied with hair – and the lack of it. Our preoccupation with hair gave rise to a multi-billion dollar industry. Moreover, millions of people earn their livings in an occupation devoted to hair care. A significant portion of our daily time budget is allocated to hair care and grooming. For some people, particularly women, this may accumulate to many months or even years. Although hair is certainly more important to females, it is also of great concern to males. For the „stronger sex“ the apprehension of hair loss is the focus of interest. In Caucasians, the most common form of hair loss, male pattern baldness, affects approximately one half of the adult male population. Thus, some degree of hair loss is considered normal in adult males. Recently, a large-scale survey ….

Henss, R. (2001). Social perceptions of male pattern baldness. A review.
Psychosomatics + Dermatology, 2, 63-71.

Alle Rechte beim Autor. Nachdruck und Vervielfältigung – auch auszugsweise – nur mit ausdrücklicher Genehmigung von Psychosomatics + Dermatology.

The complete article is available as an eBook
Ronald Henss: Social Perceptions of Male Pattern Baldness
Ronald Henss
Social Perceptions of Male Pattern Baldness
A Review

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Psychologie und Alopezie

Auch 007 ging nicht oben ohne

PD Dr. Ronald Henss

Wie Glatzköpfigkeit auf den Betrachter wirkt, erläutert eine Studie an der Universität Saarbrücken

Unzählige Zeugnisse aus Literatur, Geschichte, Völkerkunde, Archäologie und anderen Wissenschaftszweigen belegen, dass das Haar zu allen Zeiten und in allen Kulturen eine herausragende Rolle gespielt hat. Bezeichnenderweise ist eines der ältesten Medikamente der Medizingeschichte ein Mittel gegen die Männerglatze. „Vor 4000 Jahren rieben sich die alten Ägypter eine Tinktur aus in Öl gebratenen und gemahlenen Hundepfoten und Eselshufen auf ihre kahlen Häupter. Ähnlich skurrile Methoden sind aus verschiedensten Zeitepochen und aus allen Teilen der Welt bekannt“, erklärt Priv.-Doz. Dr. phil. Ronald Henss vom Fachbereich Psychologie an der Universität Saarbrücken auf Anfrage von DERMAforum. Aus rein medizinischer Sicht sind Haare für den Menschen nicht lebensnotwendig. Die weit verbreitete Sorge der Männer um den Verlust des Haupthaares hat daher in allererster Linie psychologische Gründe. Am Anfang der psychologischen Wirkungskette steht sicherlich die Angst, dass ein kahles Haupt in den Augen unserer Mitmenschen ein negatives Image erzeugt.

Mit und ohne Toupet

An der Universität des Saarlandes wurde in mehreren Untersuchungen der Frage nachgegangen, wie eine Glatze auf den Betrachter wirkt. Für die jüngste Untersuchung wurden zwölf Männer, die natürliche Glatzenträger sind, unter standardisierten Bedingungen fotografiert, und zwar einmal mit Glatze und einmal mit einem von einem bekannten Haarspezialisten individuell angefertigten Toupet. Die Bilder wurden im Internet präsentiert und sollten dort von den Versuchspersonen im Hinblick auf 70 verschiedene vorgegebene Persönlichkeitsmerkmale beurteilt werden. Außerdem sollte das Alter und die Körpergröße geschätzt werden. Der entscheidende Punkt ist, dass jede Versuchsperson nur ein einziges Bild zu beurteilen hatte. Somit konnte sie keinen Verdacht schöpfen, dass es im Wesentlichen um die Eindruckswirkung der Glatze ging. An der Untersuchung nahmen mehr als 1200 Männer und Frauen aus aller Welt teil.

Alter und Attraktivität

Die Altersschätzungen zeigten das erwartete Ergebnis: Alle Männer wirkten mit Toupet deutlich jünger als ohne, und zwar im Mittel etwas mehr als vier Jahre. Die 70 Persönlichkeitsbeurteilungen wurden zu sieben Eindrucksfaktoren zusammengefasst: Guter Familienvater, Karriere / Intellekt, Attraktivität, Kreativität, Soziale Verschlossenheit, Konservatismus und Maskulines Aussehen. Die Manipulation der Haarfülle zeigte nur bei zwei Faktoren bemerkenswerte systematische Effekte. Mit Ausnahme des ältesten Mannes wurden alle Männer deutlich attraktiver eingestuft, wenn sie ein Toupet trugen. Auf der anderen Seite erschienen sie ohne Toupet als die besseren Familienväter. „Ob dieser Eindruck als eine positive Wirkung der Glatze interpretiert werde sollte, ist fraglich. Mit Glatze ist ein Mann wesentlich weniger attraktiv und man traut ihm keinen Erfolg bei Frauen zu; da ist es wenig verwunderlich, dass man ihn für einen fürsorglichen Ehemann und guten Vater hält, der keine außerehelichen Affären hat“, so Henss.

Der Gesamteindruck entscheidet

Insgesamt fügen sich die Ergebnisse hervorragend in die vorliegenden Forschungsbefunde. Wenngleich die Ergebnisse von Untersuchung zu Untersuchung ein wenig anders ausfallen, konnten zwei Effekte über verschiedene Untersuchungen hinweg reproduziert werden: Mit Glatze erscheint ein Mann älter und weniger attraktiv. Da Alter und Attraktivität auf dem Partnermarkt und in anderen Bereichen des sozialen Lebens eine wichtige Rolle spielen, scheint die Sorge um den Erhalt der Haarpracht nicht völlig unbegründet. Da hilft auch nicht der immer wieder zu hörende Hinweis auf Sean Connery, der doch schließlich mit Glatze im Alter immer noch gut aussieht. Dieser trug bekanntlich in seiner James-Bond-Ära, in der er den unwiderstehlichen Frauenhelden mimte, ein Toupet. Und heute ist er gewiss nicht wegen seiner Glatze attraktiv, sondern weil er eine sehr attraktive Gesichtsstruktur besitzt, die die Wirkung der Glatze mehr als aufwiegt. Dies ist auch einer der wichtigsten Punkte der Studie: Die psychologische Forschung zeigt, dass in aller Regel die individuelle Gesamtkonfiguration des Gesichts eine wesentlich wichtigere Rolle spielt als Einzelaspekte wie beispielsweise die Haarfülle. Henss: „Aber auch das ist nicht unbedingt ein Trost – schließlich hat nicht jeder Mann die Physiognomie von Sean Connery.“

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in DERMAforum – Zeitung für die Dermatologie, Mai 2002, Nr. 5. Spezial: „Haare“, Seite 14

Alle Rechte beim Autor. Nachdruck und Vervielfältigung – auch auszugsweise – nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors

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Zur psycho-sozialen Bedeutung des Haarausfalls

PD Dr. Ronald Henss

Haare: Nicht notwendig, aber außerordentlich wichtig

Der Mensch nimmt als „nackter Affe“ (12) eine Sonderstellung unter seinen nächsten Verwandten im Tierreich ein. Genau genommen sind wir natürlich nicht wirklich nackt; die Verteilung des Haarkleides weist lediglich ein für den Menschen charakteristisches Muster auf. Was auch immer die Gründe für die weitgehende Reduktion des Haarkleides gewesen sind – aus rein biologisch-medizinischer Sicht können wir feststellen: Wenn es um das bloße Überleben geht, dann sind Haare nicht notwendig. Auf der anderen Seite müssen wir aber feststellen, dass Haare eine außerordentlich wichtige Rolle spielen, und zwar vor allem in sozialer und psychologischer Hinsicht.

Die Bedeutsamkeit des Haares lässt sich nicht zuletzt an dem Aufwand an Zeit und Geld erkennen, den wir zu seiner Pflege treiben. Für die meisten Frauen dürfte der kumulierte Zeitaufwand mehrere Monate betragen, in Einzelfällen sogar Jahre. Haare sind aber nicht nur für Frauen ein wichtiges Thema, sondern auch für Männer. Beim „starken Geschlecht“ steht die Angst vor dem Haarverlust im Vordergrund. Von der typischen Erscheinungsform des männlichen Haarausfalls, der erblich bedingten (androgenetischen) Alopezie, sind weltweit mehrere Hundert Millionen Männer betroffen. Nach einer Studie des EMNID Instituts haben 40 Prozent der deutschen Männer im Alter von 30 bis 50 Jahren bei sich persönlich Haarausfall festgestellt. 15 Prozent haben zumindest stark ausgeprägte Geheimratsecken, und 3 Prozent nur einen Haarkranz (17). Für die meisten Männer ist der Verlust des Haares zumindest unangenehm; für einige ist er mit ernsten psychischen Problemen verknüpft (2). Darüber hinaus liegen Hinweise vor, dass eine Glatze zu realen negativen sozialen Konsequenzen führen kann (2, 17). Im Kampf gegen die Glatze wenden Männer beträchtliche Mittel auf. Zum Beispiel sollen US-amerikanische Männer hierfür pro Jahr mehr als 7 Milliarden Dollar ausgeben (7).

Die enorme Bedeutsamkeit des Haares ist kein neuartiges Phänomen unserer modernen westlichen Gesellschaft. Bezeichnenderweise ist eines der ältesten Medikamente, die wir aus der Medizingeschichte kennen, ein Mittel gegen die Männerglatze: Vor 4.000 Jahren rieben sich die alten Ägypter eine Tinktur aus gemahlenen und in Öl gebratenen Hundepfoten und Eselshufen auf ihre kahlen Häupter. Ähnlich skurrile Mixturen kennen wir aus verschiedensten Jahrhunderten und aus allen Teilen der Welt (8). Aber es bleibt nicht nur beim Kampf gegen die Glatze. Auch wenn es „nur“ um die bloße Verschönerung des Haares geht, wurde seit jeher und überall auf der Welt ein enormer Aufwand betrieben; und zwar sowohl von Männern als auch von Frauen. Unzählige Zeugnisse aus der Geschichte, der Völkerkunde und der Archäologie belegen, dass das Haar zu allen Zeiten und in allen Kulturen eine herausragende Rolle gespielt hat und auch heute noch spielt (3, 8, 11, 13, 16).

Variabilität, Manipulierbarkeit, Signalfunktionen

Da unser Haarkleid aus rein biologisch-medizinischer Sicht nicht unbedingt notwendig ist, ist klar: Wenn es um Haare geht, geht es in allererster Linie um das Aussehen. Wer mit seinen Haaren unzufrieden ist, der ist mit seinem Aussehen unzufrieden. Damit sind Haare in einem ganz zentralen Sinn ein psychologisches Thema.

Sowohl die Alltagserfahrung als auch die sozialwissenschaftliche Forschung machen unmissverständlich klar: Aussehen zählt (5, 6, 10, 11, 18). Unser äußeres Erscheinungsbild trägt entscheidend dazu bei, wie wir von anderen gesehen werden und wie wir uns selbst sehen; und es hat eine Vielzahl realer psychologischer und sozialer Konsequenzen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Menschen überall auf der Welt versuchen, ihr Aussehen zu verändern und an soziale und individuelle Standards anzupassen. Primitive Kulturen nehmen häufig gravierende körperliche Veränderungen vor, die lange überdauern und oft schmerzhaft sind und in unseren Augen als Verstümmelungen erscheinen. In modernen Kulturen sind die Veränderungen zumeist eher vorübergehender Natur. Eine der einfachsten und zugleich wichtigsten und effektivsten Möglichkeiten zur Veränderung des Aussehens bieten die Haare.

Um die immense Bedeutung des Haares zu verstehen, sind drei eng miteinander zusammenhängende Punkte zu berücksichtigen, die sich durch die Stichworte Variabilität, Manipulierbarkeit und Signalfunktion kennzeichnen lassen.

Haare weisen eine sehr große Variabilität auf. Zum Beispiel zeigen sich bedeutsame Unterschiede im Hinblick auf Farbe, Länge, Textur, Stil, Fülle, Lokation und Echtheit. Variationen in diesen Dimensionen können erhebliche Unterschiede im Aussehen bewirken.

Haare sind als „natürlich nachwachsender Rohstoff“ – zumindest bei den Glücklichen, die Haare haben – problemlos verfügbar und sie lassen sich in vielfältiger Weise manipulieren (schneiden, kämmen, locken, flechten, färben, rasieren usw.). Durch die leichte Manipulierbarkeit eröffnen sich einzigartige Gestaltungsmöglichkeiten, die das äußere Erscheinungsbild wesentlich beeinflussen können.

Haare haben eine Reihe von Signalfunktionen, die für unser soziales Leben außerordentlich bedeutsam sind. Sie liefern zum Beispiel Hinweise auf das Alter, das Geschlecht, die ethnische Gruppe, die soziale (Sub-)Gruppe, den sozialen Rang und nicht zuletzt auf die Individualität.

Haare sind wichtig, weil sie entscheidenden Einfluss auf die äußere Erscheinung haben und weil sie wichtige Informationen über ihren Träger vermitteln. Diese Informationen können sich ebenso auf biologische Qualitäten beziehen wie auf die soziale Identität und die Individualität.

Soziale Symbole

Es gibt vermutlich keine Kultur, die den Haaren völlig indifferent gegenübersteht. Überall auf der Welt werden Haare mit gewissen Symbolfunktionen verknüpft. Obgleich sich soziale Symbole im Laufe der Zeit ändern und durch verschiedene soziale Gruppen unterschiedlich interpretiert werden können, lassen sich durchaus auch kulturübergreifende Tendenzen erkennen. Synnott (16) hebt die folgenden Prinzipien hervor:

  • unterschiedliche Geschlechter haben unterschiedliches Haar
  • Kopfhaar und Körperhaare haben unterschiedliche Bedeutungen
  • unterschiedliche Ideologien zeigen sich in unterschiedlichem Haar

In Bezug auf symbolische Zusammenhänge zwischen Haarlänge und Sexualität zeigen sich über verschiedene Kulturen hinweg die Tendenzen:

  • langes Haar: uneingeschränkte Sexualität
  • kurzes, teilrasiertes oder eng zusammengebundenes Haar: eingeschränkte Sexualität
  • glattrasierter Kopf: Zölibat

Der seit alters her anhaltende Kampf gegen die Männerglatze weist darauf hin, dass der männliche Haarausfall in nahezu allen Kulturen negativ bewertet wird. Obgleich die typische Erscheinungsform des männlichen Haarausfalls (androgenetische Alopezie) als „männliches Geschlechtsmerkmal“ angesehen werden kann, wird sie zumeist nicht als Symbol einer gesteigerten Männlichkeit angesehen. Ganz im Gegenteil wurde und wird die Glatze in vielen Kulturen eher als Symbol des Alters und des Todes und der schwindenden Männlichkeit interpretiert.

Eindruckswirkung der Männerglatze

Die androgenetische Alopezie hat ohne Zweifel biologische Ursachen. Damit ist ihre ursächliche Bekämpfung eine Angelegenheit der Medizin. Die Auswirkungen des männlichen Haarausfalls sind aber primär psychologischer Natur. In psychologischer Hinsicht lässt sich das Thema Haarausfall aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten (die nicht unabhängig voneinander sind):

  • Wirkung auf Andere (Fremdbild)
  • Psychologische Konsequenzen (Selbstbild, psychische Probleme)
  • Persönlichkeitskorrelate
  • Soziale Konsequenzen (z.B. Partnerschaft, Beruf)
  • Möglichkeiten der psycho-sozialen und therapeutischen Unterstützung

Ein Überblick über die (relativ spärliche) psychologische Forschung zum erblich bedingten Haarausfall beim Mann findet sich bei Cash (2).

Im Folgenden beschränken wir uns auf einen Teilaspekt, nämlich die Frage „Wie wirkt die Glatze auf den Betrachter?“. Dieser Aspekt ist von besonderer Bedeutung, weil er den Ausgangspunkt weitreichender psychologischer und sozialer Probleme darstellen kann. Würde es in den Augen unserer Mitmenschen keinerlei Unterschied machen, ob wir eine Glatze oder einen vollen Haarschopf haben, dann würde sich die Frage nach psychologischen und sozialen Konsequenzen des Haarausfalls erübrigen. Aber bereits die Alltagserfahrung zeigt, dass diese Voraussetzung mit Sicherheit nicht erfüllt ist.

Bislang liegen nur wenige psychologische Untersuchungen zur Eindruckswirkung der Männerglatze vor (zu einem Überblick vgl. 1, 2, 14). Insgesamt zeigt sich aber, dass die Glatze überwiegend negativ beurteilt wird. Zum Beispiel wurde in einer Studie von Cash (1) Glatzenträgern ein geringeres Selbstwertgefühl und ein geringerer Lebenserfolg zugetraut; sie erschienen zugleich weniger sympathisch und weniger attraktiv; und sie wurden deutlich älter geschätzt.

Eine interessante Überlegung wurde von Muscarella und Cunningham eingebracht (14). Während einige Autoren vermuten, dass sich die Glatze im Laufe der Evolution als Signal der männlichen Dominanz entwickelt hat (4), weisen Muscarella und Cunningham darauf hin, dass ein kahler Männerkopf eher mit dem Kindchenschema übereinstimmt („babyface“-Merkmale). Dementsprechend nehmen die Autoren an, dass sich die Glatze als ein Indikator der sozialen Beschwichtigung evolviert hat. Mit Hilfe retuschierter Fotos konnten sie zeigen, dass ein und dieselben Personen mit Glatze weniger aggressiv erschienen als mit vollem Haar und gleichzeitig auf der Dimension ‚Beschwichtigung‘ (scheu, feminin, Babyface, naiv, freundlich) höhere Werte erzielten. Darüber hinaus erzielten die Glatzenträger auch positivere Beurteilungen auf einem Faktor, der Aspekte der Intelligenz und der sozialen Verträglichkeit umfasste. In diesem Punkt hatten sich jedoch bei Cash (1) andere Ergebnisse gezeigt: Dort ergab sich im Hinblick auf die eingeschätzte Intelligenz kein Effekt; und im Hinblick auf die soziale Verträglichkeit schnitten die Glatzenträger deutlich schlechter ab.

An der Universität des Saarlandes haben wir bislang zwei Studien zur Eindruckswirkung der Männerglatze abgeschlossen. In der ersten Studie wurden Gesichterfotos von 90 Männern im Alter von 20 bis 60 Jahren vorgelegt. Die Beurteilung erfolgte im Hinblick auf Merkmale, die als Komponenten des männlichen Partnerwerts aufgefasst werden können, und zwar: Attraktivität, sexuelle Attraktivität, Gesundheit, Maskulinität, Berufsprestige, Mode, „Babyface“, Stimmung, Alter (6). Außerdem wurde durch eine unabhängige Urteilergruppe der Grad des Haarausfalls nach der Klassifikation von Norwood (15) beurteilt. Die Ergebnisse zeigen, dass eine Glatze in nahezu jeder Hinsicht negativ wirkt. Nachdem das Alter der beurteilten Personen herausgerechnet wurde, verblieben jedoch nur noch zwei statistisch signifikante Befunde: Glatzenträger werden älter geschätzt als sie tatsächlich sind, und sie sind sexuell weniger attraktiv als Männer mit vollerem Haar. Die zweite Studie wurde über das Internet durchgeführt. Von 9 Männern wurden jeweils zwei Bildversionen erstellt: Eine mit vollem Haar, die andere mit Glatze (bei Männern mit vollem Haar wurde die Glatze per Computer retuschiert; bei Glatzenträgern wurde ein voller Haarschopf durch eine Perücke erzielt). An der Untersuchung, die in einer deutsch- und in einer englischsprachigen Version vorlag, nahmen mehr als 1.800 Versuchspersonen aus aller Welt teil, davon waren 80 Prozent Frauen. Die Versuchspersonen sahen jeweils nur ein einziges Bild, das sie im Hinblick auf 80 Persönlichkeitsmerkmale beurteilen sollten. Aus den Einzelurteilen konnten vier globale Dimensionen des Persönlichkeitseindrucks gewonnen werden: Sexuelle Attraktivität (z.B. sexy, verführerisch, Erfolg bei Frauen, guter Liebhaber), Eignung als Ehepartner (z.B. gutmütig, familienorientiert, treuer Ehemann, guter Vater), Beruf/Karriere (Erfolg im Beruf, karriereorientiert, intelligent, angesehener Beruf) und Selbstsicherheit (selbstbewusst, schüchtern, nervös, zurückhaltend). Die Haarfülle hatte keinen statistisch signifikanten Einfluss auf die vermutete Eignung als Ehepartner und den eingeschätzten Berufserfolg. Demgegenüber wurden die Männer in der Version mit vollem Haar als deutlich selbstsicherer eingeschätzt als in der Version mit Glatze. Besonders stark war der Effekt bezüglich der sexuellen Attraktivität: Die Glatze führte zu erheblichen Einbußen der sexuellen Attraktivität. Darüber hinaus wurden die Männer im Mittel um etwa 2 Jahre älter geschätzt, wenn sie eine Glatze hatten.

Obgleich die Befunde nicht in allen Punkten übereinstimmen, lassen die bislang vorliegenden psychologischen Studien einige Verallgemeinerungen über die Eindruckswirkung der Männerglatze zu. Glatzenträger wirken deutlich älter als Männer mit vollem Haar. Glatzenträger schneiden zudem vor allem im Hinblick auf die sexuelle Attraktivität sehr viel schlechter ab. Darüber hinaus hält man sie für weniger selbstsicher.

Insgesamt weist das Glatzenstereotyp deutlich mehr negative als positive Aspekte auf. Glatzenträger scheinen in den Augen der Anderen eher am Rand des sozialen Lebens zu stehen. Werte wie Jugendlichkeit, sexuelle Attraktivität, Aktivität, aufregendes Leben, scheinen hingegen für diejenigen reserviert zu sein, die (noch) über einen vollen Haarschopf verfügen. Damit trägt der Verlust des Haares zu einer Minderung des Partnerwerts bei. Vermutlich ist dies einer der wesentlichen Gründe dafür, dass Männer zu allen Zeiten und in allen Kulturen dem Verlust ihres Haupthaares mit Bangen entgegensahen – und dass zumindest einige mit allen Mitteln versuchten, dieser Bedrohung entgegenzuwirken.

P.S.: Offenbar stellt uns nun die moderne Medizin zum ersten Mal Mittel zur Verfügung, die eine ursächliche Bekämpfung des Haarausfalls ermöglichen (7).

Ausgewählte Referenzen

  1. Cash, T. F. (1990). Losing hair, losing points?: The effects of male pattern baldness on social impression formation. Journal of Applied Social Psychology, 20, 154-167.
  2. Cash, T. F. (1999). The psychological consequences of androgenetic alopecia: a review of the research literature. British Journal of Dermatology, 141, 398-405.
  3. Cooper, W. (1971). Hair. Sex, society, symbolism. New York: Stein and Day Publishers.
  4. Guthrie, R. D. (1976). Body hot spots. The anatomy of human social organs and behavior. New York: Van Nostrand Reinhold Company.
  5. Henss, R. (1992). „Spieglein, Spieglein an der Wand …“ Geschlecht, Alter und physische Attraktivität. Weinheim: Psychologie Verlags Union.
  6. Henss, R. (1998). Gesicht und Persönlichkeiseindruck. Göttingen: Hogrefe.
  7. Kaufman, K. D. et al. (1998). Finasteride in the treatment of men with androgenetic alopecia. Journal of the American Academy of Dermatology, 39, 578-589.
  8. Kligman, A. M. & Freeman, B. (1988). History of baldness from magic to medicine. Clinics in Dermatology, 6, 83-88.
  9. Kobren, S. D. (1998). The bald truth. The first complete guide to preventing and treating hair loss. New York: Pocket Books.
  10. Landau, T. (1993). Von Angesicht zu Angesicht. Was Gesichter verraten und was sie verbergen. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.
  11. Ligget, J. & Liggett, A. (1990). Die Tyrannei der Schönheit. München: Heyne.
  12. Morris, D. (1969). Der nackte Affe. München: Droemer Knaur.
  13. Morris, D. (1986). Körpersignale: Vom Scheitel bis zum Kinn. München: Heyne.
  14. Muscarella, F. & Cunningham, M. R. (1996). The evolutionary significance and social perception of male pattern baldness and facial hair. Ethology and Sociobiology, 17, 99-117.
  15. Norwood, O’T. T. (1975). Male pattern baldness: Classification and incidence. Southern Medical Journal, 68, 1359-1365.
  16. Synnott, A. (1987). Shame and glory: A sociology of hair. The British Journal of Sociology, 38, 381-413.
  17. Tischer, B. (1999). Einfluss von Haarausfall auf Personalentscheidungen. Pullach: EMNID Institut.
  18. Zebrowitz, L. A. (1997). Reading faces. Window to the soul? Boulder: Westview Press. Haare und Identität

Dieser Beitrag ist die Ausarbeitung eines Vortags auf dem 22. Winterthurer Fortbildungskurs „Von Haut und Haar“, Wintherthur, 25. Mai 2000. Organisation: Dr. med. H. Kappeler, Winterthur.

Alle Rechte beim Autor. Nachdruck und Vervielfältigung – auch auszugsweise – nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors

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Glatze = hohe Stirn = Intelligenz?

PD Dr. Ronald Henss

Seit alters her ist der Verlust des Haupthaares für Männer ein großes Ärgernis. Dahinter steckt zumeist die Sorge, dass eine Glatze von den Mitmenschen negativ beurteilt wird.

Die psychologische Forschung zeigt, dass diese Sorge nicht unbegründet ist. Mehrere Untersuchungen belegen, dass eine Glatze in vielerlei Hinsicht negativ auf den Betrachter wirkt. Die deutlichsten Effekte zeigen sich bei Altersschätzungen und Attraktivitätsbeurteilungen. Männer wirken mit Glatze wesentlich älter und sie sind weniger attraktiv. Aber auch im Hinblick auf andere Eigenschaften schneiden Glatzenträger häufig schlechter ab.

Eine gewisse Ausnahme zeigt sich bei Einschätzungen der Intelligenz. In den meisten Studien hatte die Haarfülle keinen Einfluss. Gelegentlich wurden Glatzenträger sogar für intelligenter gehalten als Männer mit vollem Haar.

An der Universität des Saarlandes wurden mehrere Untersuchungen zur Eindruckwirkung der Glatze durchgeführt. Auch diese Studien unterstreichen die negative Wirkung der Glatze. Im Bezug auf die Frage „Glatze = höhere Stirn = Intelligenz?“ sind die Befunde gemischt. Lediglich in einem Fall ergab sich ein Vorteil für die Glatze.

Fünfzehn Männer im Alter von 30 bis Mitte 60 wurden unter standardisierten Bedingungen fotografiert. Ein Foto zeigte die Person in ihrer natürlichen Erscheinung mit Glatze. Auf einem anderen Bild trug sie ein Toupet, das von einem Haarspezialisten individuell angefertigt worden war.

Die Untersuchung wurde über das Internet durchgeführt. Auf dem Bildschirm wurden Fotos der 15 Männer simultan präsentiert. Die Anordnung erfolgte in zufälliger Reihenfolge. In jedem Einzelfall wurde per Zufall bestimmt, ob eine Person mit Glatze oder mit Toupet zu sehen war. Die Versuchpersonen hatten die Aufgabe, die Bilder im Hinblick auf das Merkmal „Intelligenz“ in eine Rangreihe zu bringen.

Insgesamt erzielte die Bildversion mit Glatze einen besseren Rangplatz als die Variante mit Toupet. Eine detaillierte Analyse zeigte, dass sieben Männer mit Glatze signifikant intelligenter erschienen als mit Toupet. Bei den verbleibenden acht Personen zeigten sich keine Unterschiede zwischen den beiden Bildvarianten. Insbesondere ergab sich in keinem einzigen Fall ein statistisch signifikanter Vorteil für den vollen Haarschopf. Plakativ ausgedrückt heißt dies: Glatzköpfe wirken intelligenter.

Aus einer anderen Perspektive muss diese Aussage jedoch stark relativiert werden. Die vier Männer, die am intelligentesten erschienen, machten stets die ersten vier Rangplätze unter sich aus – egal ob sie ein Toupet oder eine Glatze trugen. Ebenso blieben die vier Personen, die am wenigsten intelligent erschienen, stets unter sich – unabhängig von Glatze oder Toupet.

Das heißt: Der Unterschied zwischen Glatze und Toupet kann durchaus zu statistisch signifikanten Effekten führen. Aber die Verschiebungen in den Rangplätzen sind minimal. In der Gruppe der fünfzehn Männer war sehr klar „festgelegt“, wer auf der Skala des Intelligenzeindrucks die oberen, wer die mittleren und wer die unteren Ränge einnimmt.

Offenkundig wird der Intelligenzeindruck nur zu einem sehr kleinen Teil durch die Haarfülle bestimmt. Andere Faktoren sind ungleich bedeutsamer. Dies steht im Einklang mit einem zentralen Befund der psychologischen Gesichterforschung: In aller Regel spielt die individuelle Gesamtkonfiguration des Gesichts eine wesentlich wichtigere Rolle als Einzelaspekte wie zum Beispiel die Haarfülle.

(Anmerkung: Die hier berichtete Untersuchung ist Bestandteil der Diplomarbeit von Stefanie Becker: Zur Eindruckswirkung des Haarausfalls beim Mann. Saarbrücken, 2003)

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in DERMAforum Zeitung für die Dermatologie, Nr. 5 – Mai 2006, S.13

Alle Rechte beim Autor. Nachdruck und Vervielfältigung – auch auszugsweise – nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors

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