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Psychologie und Alopezie

Auch 007 ging nicht oben ohne

PD Dr. Ronald Henss

Wie Glatzköpfigkeit auf den Betrachter wirkt, erläutert eine Studie an der Universität Saarbrücken

Unzählige Zeugnisse aus Literatur, Geschichte, Völkerkunde, Archäologie und anderen Wissenschaftszweigen belegen, dass das Haar zu allen Zeiten und in allen Kulturen eine herausragende Rolle gespielt hat. Bezeichnenderweise ist eines der ältesten Medikamente der Medizingeschichte ein Mittel gegen die Männerglatze. „Vor 4000 Jahren rieben sich die alten Ägypter eine Tinktur aus in Öl gebratenen und gemahlenen Hundepfoten und Eselshufen auf ihre kahlen Häupter. Ähnlich skurrile Methoden sind aus verschiedensten Zeitepochen und aus allen Teilen der Welt bekannt“, erklärt Priv.-Doz. Dr. phil. Ronald Henss vom Fachbereich Psychologie an der Universität Saarbrücken auf Anfrage von DERMAforum. Aus rein medizinischer Sicht sind Haare für den Menschen nicht lebensnotwendig. Die weit verbreitete Sorge der Männer um den Verlust des Haupthaares hat daher in allererster Linie psychologische Gründe. Am Anfang der psychologischen Wirkungskette steht sicherlich die Angst, dass ein kahles Haupt in den Augen unserer Mitmenschen ein negatives Image erzeugt.

Mit und ohne Toupet

An der Universität des Saarlandes wurde in mehreren Untersuchungen der Frage nachgegangen, wie eine Glatze auf den Betrachter wirkt. Für die jüngste Untersuchung wurden zwölf Männer, die natürliche Glatzenträger sind, unter standardisierten Bedingungen fotografiert, und zwar einmal mit Glatze und einmal mit einem von einem bekannten Haarspezialisten individuell angefertigten Toupet. Die Bilder wurden im Internet präsentiert und sollten dort von den Versuchspersonen im Hinblick auf 70 verschiedene vorgegebene Persönlichkeitsmerkmale beurteilt werden. Außerdem sollte das Alter und die Körpergröße geschätzt werden. Der entscheidende Punkt ist, dass jede Versuchsperson nur ein einziges Bild zu beurteilen hatte. Somit konnte sie keinen Verdacht schöpfen, dass es im Wesentlichen um die Eindruckswirkung der Glatze ging. An der Untersuchung nahmen mehr als 1200 Männer und Frauen aus aller Welt teil.

Alter und Attraktivität

Die Altersschätzungen zeigten das erwartete Ergebnis: Alle Männer wirkten mit Toupet deutlich jünger als ohne, und zwar im Mittel etwas mehr als vier Jahre. Die 70 Persönlichkeitsbeurteilungen wurden zu sieben Eindrucksfaktoren zusammengefasst: Guter Familienvater, Karriere / Intellekt, Attraktivität, Kreativität, Soziale Verschlossenheit, Konservatismus und Maskulines Aussehen. Die Manipulation der Haarfülle zeigte nur bei zwei Faktoren bemerkenswerte systematische Effekte. Mit Ausnahme des ältesten Mannes wurden alle Männer deutlich attraktiver eingestuft, wenn sie ein Toupet trugen. Auf der anderen Seite erschienen sie ohne Toupet als die besseren Familienväter. „Ob dieser Eindruck als eine positive Wirkung der Glatze interpretiert werde sollte, ist fraglich. Mit Glatze ist ein Mann wesentlich weniger attraktiv und man traut ihm keinen Erfolg bei Frauen zu; da ist es wenig verwunderlich, dass man ihn für einen fürsorglichen Ehemann und guten Vater hält, der keine außerehelichen Affären hat“, so Henss.

Der Gesamteindruck entscheidet

Insgesamt fügen sich die Ergebnisse hervorragend in die vorliegenden Forschungsbefunde. Wenngleich die Ergebnisse von Untersuchung zu Untersuchung ein wenig anders ausfallen, konnten zwei Effekte über verschiedene Untersuchungen hinweg reproduziert werden: Mit Glatze erscheint ein Mann älter und weniger attraktiv. Da Alter und Attraktivität auf dem Partnermarkt und in anderen Bereichen des sozialen Lebens eine wichtige Rolle spielen, scheint die Sorge um den Erhalt der Haarpracht nicht völlig unbegründet. Da hilft auch nicht der immer wieder zu hörende Hinweis auf Sean Connery, der doch schließlich mit Glatze im Alter immer noch gut aussieht. Dieser trug bekanntlich in seiner James-Bond-Ära, in der er den unwiderstehlichen Frauenhelden mimte, ein Toupet. Und heute ist er gewiss nicht wegen seiner Glatze attraktiv, sondern weil er eine sehr attraktive Gesichtsstruktur besitzt, die die Wirkung der Glatze mehr als aufwiegt. Dies ist auch einer der wichtigsten Punkte der Studie: Die psychologische Forschung zeigt, dass in aller Regel die individuelle Gesamtkonfiguration des Gesichts eine wesentlich wichtigere Rolle spielt als Einzelaspekte wie beispielsweise die Haarfülle. Henss: „Aber auch das ist nicht unbedingt ein Trost – schließlich hat nicht jeder Mann die Physiognomie von Sean Connery.“

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in DERMAforum – Zeitung für die Dermatologie, Mai 2002, Nr. 5. Spezial: „Haare“, Seite 14

Alle Rechte beim Autor. Nachdruck und Vervielfältigung – auch auszugsweise – nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors

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Glatze = hohe Stirn = Intelligenz?

PD Dr. Ronald Henss

Seit alters her ist der Verlust des Haupthaares für Männer ein großes Ärgernis. Dahinter steckt zumeist die Sorge, dass eine Glatze von den Mitmenschen negativ beurteilt wird.

Die psychologische Forschung zeigt, dass diese Sorge nicht unbegründet ist. Mehrere Untersuchungen belegen, dass eine Glatze in vielerlei Hinsicht negativ auf den Betrachter wirkt. Die deutlichsten Effekte zeigen sich bei Altersschätzungen und Attraktivitätsbeurteilungen. Männer wirken mit Glatze wesentlich älter und sie sind weniger attraktiv. Aber auch im Hinblick auf andere Eigenschaften schneiden Glatzenträger häufig schlechter ab.

Eine gewisse Ausnahme zeigt sich bei Einschätzungen der Intelligenz. In den meisten Studien hatte die Haarfülle keinen Einfluss. Gelegentlich wurden Glatzenträger sogar für intelligenter gehalten als Männer mit vollem Haar.

An der Universität des Saarlandes wurden mehrere Untersuchungen zur Eindruckwirkung der Glatze durchgeführt. Auch diese Studien unterstreichen die negative Wirkung der Glatze. Im Bezug auf die Frage „Glatze = höhere Stirn = Intelligenz?“ sind die Befunde gemischt. Lediglich in einem Fall ergab sich ein Vorteil für die Glatze.

Fünfzehn Männer im Alter von 30 bis Mitte 60 wurden unter standardisierten Bedingungen fotografiert. Ein Foto zeigte die Person in ihrer natürlichen Erscheinung mit Glatze. Auf einem anderen Bild trug sie ein Toupet, das von einem Haarspezialisten individuell angefertigt worden war.

Die Untersuchung wurde über das Internet durchgeführt. Auf dem Bildschirm wurden Fotos der 15 Männer simultan präsentiert. Die Anordnung erfolgte in zufälliger Reihenfolge. In jedem Einzelfall wurde per Zufall bestimmt, ob eine Person mit Glatze oder mit Toupet zu sehen war. Die Versuchpersonen hatten die Aufgabe, die Bilder im Hinblick auf das Merkmal „Intelligenz“ in eine Rangreihe zu bringen.

Insgesamt erzielte die Bildversion mit Glatze einen besseren Rangplatz als die Variante mit Toupet. Eine detaillierte Analyse zeigte, dass sieben Männer mit Glatze signifikant intelligenter erschienen als mit Toupet. Bei den verbleibenden acht Personen zeigten sich keine Unterschiede zwischen den beiden Bildvarianten. Insbesondere ergab sich in keinem einzigen Fall ein statistisch signifikanter Vorteil für den vollen Haarschopf. Plakativ ausgedrückt heißt dies: Glatzköpfe wirken intelligenter.

Aus einer anderen Perspektive muss diese Aussage jedoch stark relativiert werden. Die vier Männer, die am intelligentesten erschienen, machten stets die ersten vier Rangplätze unter sich aus – egal ob sie ein Toupet oder eine Glatze trugen. Ebenso blieben die vier Personen, die am wenigsten intelligent erschienen, stets unter sich – unabhängig von Glatze oder Toupet.

Das heißt: Der Unterschied zwischen Glatze und Toupet kann durchaus zu statistisch signifikanten Effekten führen. Aber die Verschiebungen in den Rangplätzen sind minimal. In der Gruppe der fünfzehn Männer war sehr klar „festgelegt“, wer auf der Skala des Intelligenzeindrucks die oberen, wer die mittleren und wer die unteren Ränge einnimmt.

Offenkundig wird der Intelligenzeindruck nur zu einem sehr kleinen Teil durch die Haarfülle bestimmt. Andere Faktoren sind ungleich bedeutsamer. Dies steht im Einklang mit einem zentralen Befund der psychologischen Gesichterforschung: In aller Regel spielt die individuelle Gesamtkonfiguration des Gesichts eine wesentlich wichtigere Rolle als Einzelaspekte wie zum Beispiel die Haarfülle.

(Anmerkung: Die hier berichtete Untersuchung ist Bestandteil der Diplomarbeit von Stefanie Becker: Zur Eindruckswirkung des Haarausfalls beim Mann. Saarbrücken, 2003)

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in DERMAforum Zeitung für die Dermatologie, Nr. 5 – Mai 2006, S.13

Alle Rechte beim Autor. Nachdruck und Vervielfältigung – auch auszugsweise – nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors

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